150 Jahre Tram: Warum ein Streit in der Leichenhalle das Ende der Münchner Magnetik besiegelte
17.03.2026
München feiert „150 Jahre Tram“. Doch die Elektrifizierung zwang die Magnetiker zur Flucht aus der Stadt und führte zum Bau eines der modernsten geophysikalischen Observatorien der Welt.
Als 1876 die erste Pferdetram durch die Straßen rollte, ahnte niemand, dass die technische Weiterentwicklung der Tram das Schicksal des Magnetischen Observatoriums in Bogenhausen besiegeln würde. Mit der Einführung des elektrischen Betriebs ab 1895 wurde die Tram zum unüberwindbaren „Störsender“ für die Wissenschaft.
Pferdestärken statt Elektrizität
Die erste Generation der Münchner Tram – ein technologisch „stilles“ Verkehrsmittel, das keine magnetischen Störfelder aussandte.
Blick zurück in die Ära Lamont
Die Sternwarte Bogenhausen vor den Toren der Stadt - damals noch ohne umliegende Bebauung.
München feiert „150 Jahre Tram“ – ein Meilenstein für die städtische Mobilität. Doch was als Triumph für den Nahverkehr begann, markierte für die geomagnetische Forschung ein Drama in mehreren Akten. Die technische Weiterentwicklung der Tram besiegelte das Schicksal des Magnetischen Observatoriums in Bogenhausen.
Niedergang und preußische Konkurrenz
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Nach dem Tod des Gründers Johann von Lamont im Jahr 1879 war das Observatorium zunächst in eine tiefe Krise gestürzt. Lamonts Assistent Christian Feldkirchner führte die Messungen zwar fort, doch mit verschlissenen Instrumenten sank die Datenqualität massiv. Als auch Feldkirchner 1886 verstarb, stellte der neue Direktor der Sternwarte, der Astronom Hugo von Seeliger, die Messungen sogar ganz ein – sein Fokus lag auf den Sternen, nicht auf dem Erdboden.
Erst die Aufbruchstimmung des „Ersten Internationalen Polarjahres“ und die Gründung des prestigeträchtigen preußischen Observatoriums in Potsdam (1891) rüttelten Bayern wach. Man wollte die Schmach gegenüber Preußen beenden und investierte massiv: Ab 1897 wurden unter der Leitung von Franz von Schwarz neue Gebäude errichtet und modernstes Equipment angeschafft. München sollte wieder Weltklasse werden.
Zentrum des Konflikts
Historischer Lageplan von Bogenhausen. Die rote Markierung zeigt das expandierende Villenquartier südöstlich der Sternwarte und die geplanten Trambahnlinien.
Alarm in Bogenhausen: Die Tram rückt näher
Doch diese Entscheidungen waren, wie wir heute im Nachhinein wissen, tragisch: Während die Forscher ihre neuen Instrumente kalibrierten, plante die Stadt bereits den Ausbau des elektrischen Straßenbahnnetzes. Eine neue Strecke sollte in unmittelbare Nähe an der Königlichen Sternwarte und des angeschlossenen magnetischen Observatoriums vorbeiführen.
Franz von Schwarz stieß auf eine alarmierende Arbeit des PhysikersFriedrich Kohlrausch. Dieser hatte nachgewiesen, dass die magnetischen Störfelder der Gleichstrom-Oberleitungen von elektrischen Trams geomagnetische Messungen über weite Distanzen unmöglich machten. Das Observatorium war nur 200m von der geplanten Trasse entfernt - die Forscher in München befürchteten, dass ihre hochpräzisen Beobachtungen des Erdmagnetfeldes unbrauchbar würden.
Globales Gütesiegel für Magnetdaten Auch heute wird auf qualitativ hochwertige Daten Wert gelegt: INTERMAGNET (International Real-time Magnetic Observatory Network) ist ein weltweiter Zusammenschluss von Observatorien, die das Ziel haben, das Erdmagnetfeld in höchster Präzision und in Echtzeit zu überwachen. Damit ein Standort als INTERMAGNET-Station zertifiziert wird, muss er extrem strenge Anforderungen an die Datenqualität, die zeitliche Auflösung und vor allem an die Störungsfreiheit erfüllen.
Zur Anstellung entscheidender naturwissenschaftlicher Versuche gehören heute geeignete, gut gelegene und vor äusseren Störungen geschützte Räume.
Friedrich Kohlrausch, Physiker
Versuchsanordnung am Friedhof
Zeitgenössische Skizze der Testmessungen vom 7. Februar 1898. Oben ist die Endhaltestelle der Trambahnlinie in der Tegernseer Landstraße verzeichnet, unten rechts die Leichenhalle des Ostfriedhofs. Der Plan dokumentiert den Versuch, die magnetische Fernwirkung der Tramströme auf die etwa 200 Meter entfernte Messstation nachzuweisen.
Das kuriose Experiment am Ostfriedhof: Die letzte Chance
Die Wissenschaftler forderten drastische Maßnahmen: Auf der Linie nach Bogenhausen sollten nur Akkumulatoren-Trams (Batteriebetrieb) ohne störende Oberleitungen eingesetzt werden – eine Technik, die am Odeonsplatz bereits zum Schutz des Stadtbildes rund um das königliche Schloss genutzt wurde. Doch Magistrat und Industrie drängten auf das effizientere Oberleitungssystem.
Um das drohende Aus für das Observatorium noch abzuwenden, wollte man die von den Oberleitungen ausgehende Gefahr wissenschaftlich überprüfen. Ein vergleichbares Testgelände fand man an einem ungewöhnlichen Ort: der Leichenhalle des Ostfriedhofs. Diese war von der damaligen Endstation der Tram etwa so weit entfernt (200 m), wie es das Observatorium von der geplanten Neubaustrecke sein würde.
Da die neuen Präzisionsinstrumente in Bogenhausen bereits fest verbaut und für den Transport zu schwer waren, kam nur die „kleine Lösung“ zum Einsatz: Ein einfaches Magnetometer, das - wie ein Kompass - lediglich die Horizontalkomponente H messen konnte. Ein mobiles Instrument für die weitaus empfindlichere Vertikalkomponente Z , das entscheidende Instrument um den Einfluss der Tram auf Magnetfeldmessungen zu ermitteln, fehlte.
Ein folgenschwerer Gelehrtenstreit
Dieser Mangel löste einen heftigen Streit zwischen Seeliger und Schwarz aus. Während Franz von Schwarz eindringlich warnte, dass das Experiment ohne die Z-Komponente wertlos sei, bügelte Seeliger die Bedenken des Geomagnetikers ab. Da die Messungen in der Leichenhalle keine extremen Ausschläge zeigten, gab Seeliger grünes Licht für den Bau der Tram.
Keine nennenswerten Störungen zu erwarten.
Hugo von Seeliger, Leiter der Königlichen Sternwarte Bogenhausen
Nachtschichten und die Odyssee nach Fürstenfeldbruck
Die Quittung folgte prompt nach der Inbetriebnahme der neuen Tramlinie nach Bogenhausen 1900: Präzise Messungen waren tagsüber kaum noch möglich. Delikate Absolutmessungen konnten nur noch tief in der Nacht durchgeführt werden, wenn die Trambahnen stillstanden. Versprechen der Stadt, bei zu starken Störungen auf Batteriebetrieb umzustellen, wurden nie eingelöst.
Dies markierte den Beginn einer jahrzehntelangen Odyssee auf der Suche nach einem neuen Messort fernab der Störsignale einer elektrifizierten Großstadt. Nach einem Zwischenstopp in einer Behelfshütte in Maisach wurde 1938 das Geophysikalische Observatorium Fürstenfeldbruck eröffnet. In der "magnetischen Stille" des Umlandes entstand ein neuer Standort des weltweiten INTERMAGNET-Netzwerkes, das bis heute höchste Anforderungen an Datenqualität und Störungsfreiheit erfüllt und Weltruf genießt.
Zwei Erfolgsgeschichten, eine gemeinsame Wurzel
Wenn wir heute „150 Jahre Tram“ feiern, blicken wir auf eine seltene Win-Win-Situation zurück. Die Tram hat München mobil gemacht, und der dadurch erzwungene Umzug der Forschung ermöglichte in der Abgeschiedenheit von Fürstenfeldbruck eine Präzision, die im Stadtgebiet niemals denkbar gewesen wäre. So ebnete der Fortschritt der Tram den Weg für Entdeckungen, die bis heute tief in das Innere unserer Erde blicken lassen.
Wikipedia Artikel über das Geophysikalische Observatorium Fürstenfeldbruck